Das Phänomen, dass Texte und Bilder in Schulbüchern nicht immer optimal zusammenpassen, ist ein häufig diskutiertes Thema in der Bildungspraxis. Es gibt mehrere Gründe dafür, die sowohl auf didaktische Herausforderungen als auch auf gestalterische Entscheidungen zurückzuführen sind. In diesem Beitrag beleuchte ich die wichtigsten Ursachen und zeige, welche Auswirkungen diese Diskrepanz auf das Lernen von Schülerinnen und Schülern haben kann.
Unzureichende Abstimmung zwischen Text und Bild
Schulbuchautoren und -gestalter arbeiten oft getrennt voneinander an den Inhalten eines Buches. Während sich die Autoren auf den textlichen Inhalt konzentrieren, kümmern sich Grafiker oder Illustratoren um die visuelle Gestaltung. Diese Trennung führt manchmal dazu, dass die Bilder nicht direkt auf den Text abgestimmt sind, sondern eher allgemeine Themen visualisieren oder stilistisch zum Gesamtbuch passen sollen.
Auswirkung:
Bilder, die nicht unmittelbar zum Text passen, können Verwirrung stiften. Schülerinnen und Schüler könnten es schwer haben, den Bezug zwischen der visuellen Darstellung und den vermittelten Informationen zu erkennen, was den Lernprozess beeinträchtigen kann.
Bilder als Dekoration statt als Lernhilfe

In manchen Schulbüchern werden Bilder primär dekorativ eingesetzt, um das Buch optisch ansprechender zu gestalten. Dabei wird oft nicht genügend darauf geachtet, dass die Bilder auch inhaltlich eine Unterstützung für das Verständnis des Textes bieten. Das Problem dabei ist, dass dekorative Bilder die Funktion eines Schulbuches als Lernmedium beeinträchtigen können, da sie vom eigentlichen Lerninhalt ablenken.
Auswirkung:
Wenn Bilder nur als Verzierung dienen und nicht zur Erklärung des Textes beitragen, kann dies zu einer kognitiven Überlastung führen. Die Lernenden müssen dann den Text und das Bild getrennt voneinander verarbeiten, was die Aufnahme von Informationen erschwert.
Überforderung durch komplexe Darstellungen

In einigen Schulbüchern sind Bilder oder Grafiken zu komplex, um die zentrale Aussage des Textes verständlich zu illustrieren. Beispielsweise können wissenschaftliche Diagramme oder Landkarten für Grundschüler schwer verständlich sein, wenn sie nicht gut erklärt oder in den Text eingebunden sind. Besonders bei abstrakten oder technischen Themen besteht oft eine Diskrepanz zwischen der Komplexität der Darstellung und dem Verständnishorizont der Schüler.
Auswirkung:
Schülerinnen und Schüler könnten von solchen Bildern eher verwirrt als unterstützt werden. Wenn sie die Darstellungen nicht verstehen, wenden sie sich vom Bild ab und konzentrieren sich ausschließlich auf den Text – oder im schlimmsten Fall verlieren sie die Motivation, den Inhalt insgesamt zu erfassen.
Fehlende didaktische Einbettung
Ein weiteres Problem kann darin bestehen, dass Bilder und Texte nicht aufeinander abgestimmt sind, weil die didaktische Einbettung fehlt. Das bedeutet, dass zwar beide Elemente vorhanden sind, aber ihre Beziehung zueinander nicht klar herausgestellt wird. Oft wird nicht erklärt, wie das Bild zum Text passt oder wie es zur Vertiefung des Gelernten beitragen kann.
Auswirkung:
Schülerinnen und Schüler müssen selbst herausfinden, welche Informationen das Bild liefert und wie diese mit dem Text zusammenhängen. Dies kann insbesondere bei jüngeren Lernenden zu Frustration führen, wenn sie den Zusammenhang nicht erkennen.
Gestalterische Zwänge und Platzmangel
Schulbücher müssen oft eine Vielzahl von Inhalten auf begrenztem Raum unterbringen. Aus Platzgründen kann es vorkommen, dass Bilder und Texte auf unnatürliche Weise voneinander getrennt sind, beispielsweise auf unterschiedlichen Seiten oder ohne klare Bezüge zueinander. Auch wenn der Text auf einer Seite endet und das dazugehörige Bild erst auf der nächsten Seite zu finden ist, kann dies die Verbindung zwischen den beiden Elementen beeinträchtigen.
Auswirkung:
Diese Trennung führt dazu, dass Schüler den Bezug zwischen Bild und Text leicht übersehen. Sie müssen hin- und herblättern, um den Zusammenhang herzustellen, was den Lesefluss stört und die Aufnahme des Inhalts verlangsamt.
Nicht altersgerechte Bilder
Schulbuchbilder müssen nicht nur zum Textinhalt passen, sondern auch altersgerecht sein. In einigen Fällen passen die Bilder jedoch nicht zum kognitiven Entwicklungsstand der Schüler. Abstrakte oder symbolische Darstellungen können jüngere Schüler überfordern, während ältere Schüler sich von kindlichen Illustrationen eher abgelenkt oder nicht ernst genommen fühlen.
Auswirkung:
Wenn die Bilder nicht altersgerecht sind, besteht die Gefahr, dass sie die Lernenden entweder über- oder unterfordern. Dies kann dazu führen, dass die Schüler das Interesse am Lerninhalt verlieren oder den Text nicht ernst nehmen.
Veränderte Lerngewohnheiten und neue Mediennutzung
Die Mediennutzung von Kindern hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Viele Schülerinnen und Schüler sind durch digitale Medien an bewegte und interaktive Inhalte gewöhnt. Statische Bilder in Schulbüchern wirken im Vergleich dazu manchmal veraltet oder wenig ansprechend. Dies führt dazu, dass die Kinder weniger aufmerksam auf die Bilder in ihren Schulbüchern achten, da sie sie als weniger relevant empfinden.
Auswirkung:
Die veränderten Lerngewohnheiten durch den Umgang mit digitalen Medien machen es für Schulbücher schwieriger, Bilder so zu gestalten, dass sie im klassischen Buchmedium eine gleichwertige Lernunterstützung bieten. Schüler könnten Bilder schlicht ignorieren, was ihre Unterstützung beim Verständnis des Textes mindert.
Fazit: Eine Chance für bessere Lernmaterialien
Das Zusammenspiel von Text und Bild ist entscheidend für den Lernerfolg von Schülerinnen und Schülern. Um die oben genannten Probleme zu vermeiden, sollten Schulbuchverlage und Autoren enger zusammenarbeiten, um eine optimale Abstimmung zwischen Texten und Bildern zu gewährleisten. Bilder sollten nicht nur dekorativ sein, sondern als Lernhilfe konzipiert werden, die den Inhalt vertiefen und veranschaulichen.
Zusätzlich könnten Lehrerinnen und Lehrer im Unterricht gezielt darauf hinweisen, wie Bilder zu verstehen sind und wie sie den Text ergänzen. Auch das Hinzuziehen digitaler Ergänzungen könnte helfen, das klassische Schulbuch mit multimedialen Inhalten anzureichern und so den modernen Lerngewohnheiten der Kinder besser gerecht zu werden.
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Quellen:
1. Issing, Ludwig J., & Klimsa, Paul (Hrsg.) (2009). Information und Lernen mit Multimedia und Internet. 5. Auflage. Beltz Verlag.
• Dieses Werk bietet Einblicke in die Gestaltung von Lernmaterialien und die Rolle von Medien bei der Wissensvermittlung. Es behandelt, wie multimediale Inhalte gestaltet werden können, um effektives Lernen zu unterstützen, und enthält wichtige Aspekte zur Abstimmung von Bild und Text.
2. Mayer, Richard E. (2009). Multimedia Learning. 2. Auflage. Cambridge University Press.
• Richard E. Mayer ist ein führender Forscher im Bereich der Multimedia-Lernforschung. Er beschreibt, wie Bilder und Texte optimal kombiniert werden sollten, um das Lernen zu unterstützen. Besonders relevant sind seine Prinzipien zur Kohärenz und Redundanz, die erklären, warum Bilder und Texte manchmal nicht gut zusammenpassen.
3. Levin, Joel R. (1981). The Maturing of Picture Facilitation Research in Education and Psychology. Educational Psychologist, 16(3), 125–140.
• Levin untersucht die Rolle von Bildern im Lernprozess und zeigt auf, wie Bilder Lerninhalte unterstützen oder behindern können. Besonders aufschlussreich ist die Frage, wann Bilder als Dekoration und wann als Lernhilfe fungieren.
4. Watzlawik, Meike, & Born, Andreas (Hrsg.) (2017). Text und Bild – Sprache und Visualisierung in der Wissensvermittlung. Springer Verlag.
• Dieses Buch geht speziell auf das Zusammenspiel von Text und Bild in der Wissensvermittlung ein und beleuchtet, wie eine gelungene visuelle Gestaltung von Schulbüchern aussehen kann. Es enthält zahlreiche Studien und Fallbeispiele aus dem Bildungsbereich.
5. Niegemann, Helmut M., et al. (2008). Kompendium multimediales Lernen. 2. Auflage. Springer Verlag.
• Dieses Werk liefert theoretische und praktische Hinweise zur Gestaltung von multimedialen Lernmaterialien. Es thematisiert auch die Abstimmung von Bild und Text, um kognitive Überlastung zu vermeiden.
6. Molinari, Lea (2017). Das Zusammenspiel von Text und Bild im Schulbuch – Empirische Untersuchungen zur kognitiven und didaktischen Wirksamkeit. In Beiträge zur Lehrerbildung, 35(1), 48–64.
• Diese empirische Untersuchung beleuchtet, wie gut Texte und Bilder in Schulbüchern tatsächlich zusammenwirken und welche kognitiven Effekte sich bei den Lernenden zeigen. Ein Fokus liegt auf der didaktischen Wirksamkeit von Bild-Text-Kombinationen.